Wenn eine Depression die Beziehung belastet

Etwa 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Depression. Was eine Depression auslöst und wie sie verläuft, ist sehr unterschiedlich. Klar ist jedoch: Sie beeinflusst das Beziehungsleben spürbar und stellt Paare vor grosse Herausforderungen.

Typische Symptome einer Depression sind eine anhaltend niedergeschlagene Stimmung, der Verlust von Interesse und Freude sowie starke Erschöpfung. Hinzu kommen oft Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, Appetitlosigkeit, ein vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, negative Zukunftsgedanken – im schlimmsten Fall sogar Suizidgedanken.

Die Psychotherapeutin Ulrike Borst beschreibt in ihrem Buch „Leben mit einem depressiven Partner“, wie Angehörige ihre Partner*innen hilfreich unterstützen können.
Zunächst kann es sinnvoll sein, die betroffene Person zu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, etwa bei der Hausärztin oder einem Psychotherapeuten. Auch das offene Ansprechen von Suizidgedanken ist zentral, so schwierig es auch sein mag.

Gleichzeitig macht Borst deutlich, wie herausfordernd der Umgang mit einer Partnerperson mit Depression sein kann. Die Depression verändert nicht nur die betroffene Person, sondern auch die Beziehung. Oft erleben Angehörige widersprüchliche Signale:
Die*der Partner*in wirkt hilflos und verzweifelt, dies weckt Mitgefühl. Gleichzeitig kann die Person bitter, gereizt oder hoffnungslos erscheinen, was den Eindruck vermittelt, man könne ohnehin nichts tun. Der Rückzug, das fehlende Interesse oder die emotionale Distanz wiederum führen oft dazu, dass man sich selbst verletzt oder zurückgewiesen fühlt, was Ärger auslösen kann.
Dieses Wechselbad von Mitgefühl, Frust und Hilflosigkeit ist belastend. Und obwohl man es eigentlich anders möchte, reagiert man auf den Lieblingsmenschen vielleicht nicht mehr so unterstützend, wie man es sich vorgenommen hat.

Besonders wichtig ist in einer solchen Situation auch auf sich selbst zu achten. Nicht selten entwickeln Partner*innen von Menschen mit Depression selbst depressive Symptome. Sorgen Sie also gut für sich. Holen Sie sich Unterstützung, nicht nur zur Entlastung des Gegenübers, sondern auch für sich persönlich.

Folgender Perspektivenwechsel kann hilfreich sein: Nicht die Person selbst, sondern die Depression verursacht viele der schwierigen Verhaltensweisen. Es kann entlastend sein, die Depression als gemeinsame Herausforderung zu betrachten – auch wenn sie nur eine Person direkt betrifft.

Ulrike Borst formuliert konkrete Tipps für Paare, die von einer Depression betroffen sind:

  1. Achten Sie auf sich: Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit oft genug weg von der Depression, hin zu dem kleinen, schönen Dinge des Alltags.
  2. Bleiben Sie aktiv I: Behalten Sie alles bei, was Ihnen Freude macht, was guttut und Sie weiterbringt.
  3. Bleiben Sie aktiv II: Laden Sie Ihren depressiven Partner zu gemeinsamen Aktivitäten ein; wenn er ablehnt, gehen Sie alleine los.
  4. Sprechen Sie von sich: Sagen Sie Ihrer Partnerin, was Sie brauchen und sich wünschen – wann immer möglich ohne Vorwürfe und Ärger.
  5. Sprechen Sie mit Ihren Kindern: Informieren Sie offen, sprechen Sie Gefühle an.
  6. Sprechen Sie mit anderen Betroffenen: Depressionen sind so häufig, dass Sie damit nicht alleine bleiben müssen.
  7. Holen Sie Hilfe: Depressionen sind behandelbar.
  8. Arbeiten Sie zusammen: Sagen Sie der Psychiaterin oder dem Psychotherapeuten, dass Sie einbezogen werden wollen, und unterstützen Sie die Therapie.
  9. Üben sie sich in Geduld: Lassen Sie sich und Ihrem Partner, Ihrer Partnerin Zeit.

Studien zeigen: Wenn sich die Partnerschaft verbessert, steigt oft auch die Stimmung auf beiden Seiten. Es lohnt sich also, die Beziehung aktiv zu stärken – auch (und gerade) in schwierigen Zeiten.

Wenn Sie sich Unterstützung wünschen, melden Sie sich gerne für eine Paarberatung bei uns.

Weitere spannende Informationen:

Zum Reinlesen:

  • Ulrike Borst (2019). Leben mit einem depressiven Partner – Ein Ratgeber für Angehörige.
  • Guy Bodenmann (2022). Schatten über der Partnerschaft – Wie Paare Depressionen gemeinsam bewältigen.
  • Wie kann man als Paar eine Depression bewältigen? Beitrag im Psychologie heute.

Zum Reinhören:

  • Depression, Angst, Sucht – Oder was eine psychische Störung für ein Paar bedeutet. Sabine Meyer und Psychotherapeutin Felizitas Ambauen von Beziehungskosmos. Zu finden auf Spotify.

Zum Reinschauen:

  • Depression in einer Beziehung: Was macht die Krankheit mit der Partnerschaft? Ein Beitrag vom WDR.
  • Seelenschatten – Ein Dokumentarfilm von Dieter Gränicher (2002).

Zum Vernetzen:

  • Für Angehörige und Vertraute von Menschen mit psychischen Erkrankungen: Stand by you.